Boot des Tages:
Chaparral SSi 196 Wide Tech

Alles offen, oder was?


Wie es euch gefällt: „Openbow, Mittekonsole, ‚Telefonzelle’  oder Rib“

Alles offen – oder was?

Es ist ein weites Feld, das Thema „offene Sportboot“ und es wird seit jeher mindestens so kontrovers diskutiert, wie die Vor- und Nachteile von Diesel- oder Benzinmotoren, Innen- oder Außenborder, Verdränger- oder Speedboote. Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwierig, die richtige Kaufentscheidung zu treffen. Schließlich kommt es immer darauf an, wer was, wann und weshalb mit seinem schwimmenden Eigenheim auf Zeit unternehmen will. Wir versuchen mit diesem Beitrag eine Hilfestellung zu geben, die Vor- und Nachteile offener Sportboote gegeneinander abzuwägen.

Am Anfang stand der Fischerkahn. Vor Urzeiten ausschließlich nur pullend mit Muskelkraft und Riemen fortbewegt. Das gilt zuweilen auch heute noch, ist das Revier – viele Binnenseen, Nebenflüsse, Biotope – entsprechend klein und überschaubar, denn dann sind in der Regel sowieso keine Antriebshilfen erlaubt. Mit dem Aufkommen der ersten Außenborder begann dann allerdings auch schnell das Zeitalter der Bequemlichkeit und wer es sich leisten konnte, der montierte sich so einen „motorisierten Quirl“ an den Spiegel. Platz nahm der stolze Eigner meist auf einer hölzernen Ducht, quer zur Fahrtrichtung. Die ersten, offenen Sportboote waren somit aus der Taufe gehoben, auch wenn die Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckte.

Doch im Laufe der Zeit und mit stetiger Weiterentwicklung dieser Fortbewegungsart auf dem Wasser, wurden die Ansprüche der Nutzer permanent höher geschraubt. Nicht nur Hersteller von Außenbordern versuchten durch immer stärkere Motorisierungen dem Wettbewerb stets eine Nasenlänge voraus zu sein, ja sogar marinisierte Automotoren drangen in die Phalanx des motorisierten Wassersportes ein. Da war es dann schnell vorbei mit der Pinnensteuerung, denn diese geballte Kraft konnte nur schwer durch manuelle Kursvorgabe per Hand und Muskelkraft, gebändigt werden. Hinzu kam, dass die Bootseigner hierzulande –  vom überseeischen Virus gepackt – es dem Geburtsland des motorisierten Wassersportes, „dem Amiland“, gleich tun wollten. Fahrfeeling wie im Pkw war angesagt. Das Lenkrad mutierte zum Ruder bzw. Steuerrad. Allerdings – der seemännischen Diktion folgend – wurde der Steuerstand im Boot fast ausschließlich nach rechts, nämlich Steuerbord verlegt, ganz im Gegensatz zum Auto.

Jahrzehntelang war das geschlossene, feste und vor allem begehbare Vordeck gang und gäbe. Zumindest bei Booten, die sich der so genannte Mittelstand leisten konnte. Der Platz von der Windschutzscheibe bis zur Bugspitze unter Deck diente lediglich dem Stauen von irgendwelchem Kleinkram. Dieser, wurde er schließlich irgendwann einmal benötigt, musste dann bäuchlings von einem schlangenmenschähnlichen Crewmitglied mühevoll hervorgewühlt werden. Meistens traf’s die Bordfrau oder die Kinder. Ein zwar durchaus nutzbares, aber doch recht umständlich zu erreichendes Depot für Utensilien des täglichen Bordbedarfes.

Jahrzehnte gingen ins Land, bis nach und nach ein Umdenkprozess einsetzte. Und wiederum schwappte der Sinneswandel aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach Europa herüber. Die ersten Sportboot mit offenem Bug vor der Windschutzscheibe und dort einlaminierten, gepolsterten Sitzbänken wurden auf den einschlägigen Wassersportmessen hierzulande vorgestellt. Die Skepsis gegenüber dieser „Boots-Design-Revolution“ war zunächst riesengroß – und ist es zuweilen auch heute noch.

Kritikpunkt Nummer eins: „Da vorne wird man ja beim Fahren nass“. Das jedoch entsprach nur teilweise den tatsächlichen Gegebenheiten und traf vor allem auf jene Boote zu, die ohnehin mit schlecht laufenden Rümpfen von sich Reden machten. Einwand Nummer zwei: „Das ‚Loch’ im Vorschiff kann man ja nicht zumachen, zum Beispiel wenn es regnet“. Eine völlig widersinnige Argumentation, die heute Gott sei Dank vom Tisch ist. Schließlich gab und gibt es schon immer perfekt sitzende Persennings, die absolut dich halten. Darüber hinaus waren es doch eigentlich Schlauchboote, die in mitteleuropäischen Regionen als die Vorreiter der Openbows angesehen werden müssen. Diese Bootsart war schon immer offen und überkommendes Wasser oder Regen lief durch die Bilge nach achtern durch Rückschlagventile ab. Fertig – das Boot war wieder trocken. Fahrer und Crew saßen und sitzen entweder auf Duchten oder den Schläuchen und über Nacht werden die Vertreter  „der aufgeblasenen Gesellschaft“ mit einem Verdeck geschützt– oder auch nicht.

Das große Stirnrunzeln konservativer Eigner resultierte – und das hat sich auch noch bis heute teilweise so gehalten – eigentlich nur aus der Überlegung heraus, wie man den flauschigen Teppichboden und die aufwändig gearteiteten Polster vor Nässe schützen kann. Das war aber schon immer so. Doch damit hatten die „Gummigurkenfahrer“ noch nie Probleme.

Tatsache ist, dass, als es noch keine offenen Vordecks oder „Walkarounds“ gab, die meisten Cockpits von offenen Sportbooten mit Textilien ausgeschlagen wurden, die in Sachen Feuchtigkeit mit diesem Umstand in der Regel auf Kriegsfuß standen. Schnell musste das Aufbringen der Verdecks vonstatten gehen, zogen am Horizont dunkle Regenwolken auf. Diesen hektischen Aufwand kann man sich heute, Dank modernster Materialien, durchaus schenken. Denn fast ausschließlich sind Polster und Stoffe so ausgelegt, dass sie weder durch Feuchtigkeit verrotten noch angammeln können und so gut wie kein Wasser aufnehmen. Den Rest des Trockenprozesses übernehmen Sonne und Wind. Das komplette Abdecken von Booten dient heutzutage mehr dem Schutz von Verschmutzung durch Umwelteinflüsse.



Da mittlerweile in Relation zur Weltmarktproduktion kaum noch Sportboote gebaut werden, die „ausschließlich“ feste Vordecks und wenig nutzbaren Raum darunter aufweisen, kann die Auseinandersetzung mit dieser Bauweise eigentlich vernachlässigt werden. Geschlossene Vorschiffe gehen heutzutage so gut wie immer mit einer Kajüte einher, und sei sie noch so klein. Dies ist sogar bei einigen Walkarounds der Fall. Kaum eine Werft könnte derzeit Boote „mit verschenktem Platz“ im Markt etablieren.

Traditionelle Openbows oder Bowrider

Der Vorteil aller offenen, im Bugbereich nutzbaren Boote, ist ganz klar in der Tatsache zu sehen, dass damit heute einst verschenkter Raum einer sinnvollen Verwendung zur Verfügung steht. Zum einen kommt man schnell und problemlos an das Staugut unter den Sitzen heran, andererseits erhöht sich auch die zahlenmäßige Kapazität der Crewmitglieder. Natürlich immer nur im Rahmen der zulässigen Personenzahl nach CE. Doch auch wer nur mit kleiner Mannschaft auf Törn geht, der wird es zu schätzen wissen, dass man zum Beispiel aus den Sitzbänken im Vorschiff mit wenigen Handgriffen eine vortreffliche Sonnenliege zaubern kann.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil von Openbows ist der Sicherheitsaspekt. Wer schon einmal bei Nässe auf Vordecks von kleinen Sportbooten herumgeturnt ist, um etwa Leinen zu belegen oder sich am Ankerkasten zu schaffen machen musste, der wird nachvollziehen können, welchen Balanceakt es dabei unter Umständen zu vollziehen gilt. Denn auch die als besonders rutschfest angepriesene Schuhsohle hält in vielen Fällen nicht das, was sie verspricht und wer hat schon Lust darauf, ungewollt im brackigen Hafenwasser Schwimmübungen zu absolvieren?!

Ein weiterer Sicherheitsaspekt geht mit dem An- oder Vonbordgehen einher. In den meisten Fällen legen kleine oder mittlere Sportboote mit der Bugspitze in der Box zum Steg hin an, denn nicht selten schließen die Z-Antriebe fast bündig mit der Badeplattform ab, in manchen Fällen ragen sie sogar darüber hinaus. Dies gilt für Sterndrives bedingt, bei Außenbordern jedoch allemal, denn sie sind das am weitesten nach achtern hinausragende Bauteil an einem Boot. Dabei kann es dann unter ungünstigen Umständen schon mal  passieren, dass man sich beim „rückwärts Einparken“ den Propeller oder die Kavitationsplatte „vermeiert“. Wer dagegen in Fahrtrichtung den Liegeplatz ansteuert, der geht dieser Gefahr definitiv aus dem Wege und spart seiner Mannschaft und sich selbst zudem die Kraxelei über das geschlossene Vorschiff.   

Walkarounds mit mobiler Steuerstandkonsole

Vorstehende Überlegungen gründen sich auf die tradionellen Openbows oder auch Bowrider. Sie präsentieren sich daher mit zentraler, aufklappbarer Windschutzscheibe, mittlerem Durchgang ins Vorschiff, Fahrer- und Copilotensitz, breiter Rückbank. Doch da gibt es noch die „Offenen der Offenen“. Will sagen, Walkarounds mit mittlerem, oftmals sogar variabel zu installierender Steuerstandkonsole. Vorausschauende Werften bieten diese Art von Booten mit der Möglichkeit an, den Steuerstand dort zu platzieren, wo es der Eigner für ihn am günstigsten erachtet. Dafür werden an den unterschiedlichsten Positionen im Plichtboden Gewindehülsen eingelassen, die es erlauben, nach Herzenslust die Steuerkonsole zu versetzen.

Bei Booten solcher Art handelt es sich meist um Arbeitsboote, die zum Beispiel für Tauch- oder Rettungseinsätze genutzt werden. Aber auch Fischer und Angler wissen diese Vorteile zu schätzen. Dass man dort kaum auf „Plüsch und Plünn“ treffen wird, versteht sich eigentlich von selbst. Da wird in jedem Fall der funktionierenden Lenzeinrichtung Priorität eingeräumt und die vorstehend beschriebenen Vorteile des vorne offenen Bootes so nebenbei mitgenommen.   

Walkarounds mit Schlupfkabine

Vielleicht haben wir es hier auch mit einem typisch deutschen Phänomen zu tun, dass sich der eine oder andere Eigner ab einer bestimmten Bootslänge nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, ohne Kajüte auf Törn zu gehen. Auch diesem Verlangen wird von diversen Werften Rechnung getragen. Sie verzichten einerseits nicht auf den ungehinderten Rundlauf an Bord und verstehen es darüber hinaus Steuerstände mit Ausmaßen zu kreiren, die es zulassen, kleine Schlupfkajüten darin unterzubringen. Dabei handelt es sich zwar meist nur um spartanische Provisorien, dennoch steht fast immer soviel Platz zur Verfügung, um dort beispielsweise eine Porta Potti unterzubringen. Nicht ganz unwichtig für die feminine Abteilung der Crew, die doch größeren Wert auf eine gewisse Intimsphäre legt, als dies zuweilen dem so genannten „starken Geschlecht“ nachgesagt wird.

Die „Telefonzelle“

Zwar nicht überhand nehmend, dennoch immer mehr im Fokus praktisch veranlagter Eigner sich einnistend, rundherum offene Sportboote, die mittig mit einem Aufbau daher kommen, der mehr oder weniger einer „Telefonzelle“ ähnelt. Boote dieser Art sind zweifelsohne nicht jedermanns Sache. Ihre zuweilen gewöhnungsbedürftige Optik kann abschreckend wirken und manch ein Betrachter stellt sich die berechtigte Frage, weshalb man für solche Entwürfe überhaupt einen Designer engagierte. Dennoch, die praxisnahen Vorzüge sind nicht von der Hand zu weisen. Durch heutzutage allenthalben einsetzbare, technische Finessen, sei es inbezug auf Hardtops mit großflächigen Schiebedächern, raffinierte Tür- und Fensterkonstruktionen, die bei entsprechender Nutzung Fahrfeeling der Art „oben ohne“ aufkommen lassen, stellt sich so nie das Gefühl von eingesperrt sein zur Debatte, obwohl in der Regel die Fahrstände konstruktionsbedingt stets unter Deck angesiedelt sind.

Wer mit so einem Boot plötzlich von Schlechtwetter überrascht wird, der wird schnell erkennen, welche Vorzüge diese Bauweise in sich birgt. Nicht von ungefähr tendieren Fischer und Angler mehr und mehr in diese Richtung, zumal sich unter Deck fast immer soviel Platz findet, dass zwei bis drei Crewmitglieder dort notfalls schon mal übernachten können und – was ebenso wichtig ist – es besteht die Möglichkeit, sich per Minipantry autark mit dem Nötigsten zu versorgen. Auch hier gilt praxisorientiert, der Eimer mit Wasser, Schrubber und Lenzlöcher ersetzen den Staubsauger. 

Die Ribs

Rib – „Rigid inflatable Boat“ – das bedeutet nichts anderes als „starres, aufblasbares Boot“ und stellt somit eigentlich eines der klassischen offenen Sportboote dar, deren Vorläufer die „nur“ aufblasbaren Schlauchboote waren. Ihrer Bauweise Rechnung tragend, gehören sie seit jeher zu den offenen Sportbooten.


Inzwischen hat sich auch auf diesem Sektor so einiges geändert. Ribs der Größenordnung von sieben, acht Metern Länge und mehr, stellen heute keine Novität mehr dar. Besonders unsere südlichen Nachbarn in Italien kristallisierten sich zu Spezialisten auf diesem Sektor heraus. Sie haben den Bau dieser Boote sogar soweit forciert, dass sich so ziemlich alle vorstehenden Boots-Typisierungen auf einem Rib realisieren lassen. Egal, ob ausschließlich Konsolen-Steuerstand, mit und ohne Backskisten im Vorschiff, Innen oder Außenborder, ja selbst eine Kajüte stellt die Konstrukteure kaum noch vor ein Problem. Unterm Strich haben wir es dabei eigentlich mit Festrumpfbooten mit aufblasbarer Scheuerleiste zu tun.  

Resümee

Wer sich ernsthaft und seriös mit der Thematik „rundherum offene Sportboote“ jedweder Art auseinandersetzt und versucht den Spagat zwischen „Positivem“ und „Negativem“ hinzukriegen, der wird schnell einen gemeinsamen Nenner zwischen beiden Attributen finden, denn eigentlich bleibt nur das Positive übrig. Dieses Resümee will jedoch nicht pauschal alle Sportboote mit geschlossenen Vordecks ins Abseits stellen. Man muss die Sache fairer Weise doch einigermaßen differenziert angehen. In der Regel macht unterhalb einer Bootslänge von ca. vier Metern das typische Openbow-Boot mit aufwändiger Sitzlandschaft nicht viel Sinn, da der Raum dafür zu knapp bemessen ist. Es sei denn, man tendiert zu allemal zum Konsolensteuerstand. Dann wäre es prinzipiell egal, ob so eine offene Schale über das Ruder oder die Pinne gesteuert wird. Klassische Openbows wird man jedoch in der Regel ab fünf Meter Länge antreffen. Darüber hinaus sei es jedem Eigner unbenommen, ob er mit der Variante „vorne zu“ im wahrsten Sinne des Wortes glücklicher fährt. Fest steht in jedem Fall, dass sich frühere Ressentiments gegenüber „vorne offen“ mehr und mehr in Wohlgefallen auflösen.

Claus D. Breitenfeld  

Erschienen in IBN, Juni 2008.